Wer nicht spurt, soll auch nicht essen.


Heute fand im Bundestag die Abstimmung über einen Antrag der Linken zur Abschaffung der Sanktionen im SGB II, also “Hartz IV”, statt. Sanktionen können verhängt werden, wenn der oder die von Hartz IV Betroffene gegen die Vielzahl der Regeln des SGB II verstößt. Das können auch völlig belanglose “Verstöße” sein, die niemandem schaden, und in der Regel ist das auch so. Das häufigste Beispiel ist das Versäumnis, pünktlich zu einem der in der Regel sinnlosen “Betreuungstermine” zu erscheinen. Sanktion bedeutet dabei, dass der Regelsatz des ALG II, derzeit höchstens 374 Euro im Monat, bis auf 0 herab gekürzt werden kann. Wer nichts auf der hohen Kante hat, was in der Regel der Fall ist, wird somit regelrecht in Hunger und Elend gestürzt. Fast die Hälfte aller Sanktionen werden allerdings zu Unrecht verhängt. Nicht selten kommt es etwa vor, dass erwerbstätige Bezieher von ALG II, sogenannte “Aufstocker”, wegen Terminversäumnissen sanktioniert werden, an denen sie ihrer Erwerbsarbeit nachgegangen sind. Sanktionen sind Mittel zur Disziplinierung der Betroffenen, denn verängstigte Menschen lassen sich leichter kontrollieren und beherrschen. Sie sind aber auch, vielleicht vor allem, ein Mittel, um den Betroffenen das Leben so angstvoll und stressig wie möglich zu machen, so dass sie noch jeden noch so schlecht bezahlten Job annehmen. Ein Beitrag zum auf Armut aufgebauten deutschen “Jobwunder”. Auch für Anwaltskanzleien ist der Sanktionsparagraph ein einziges Konjunkturprogramm. Ein staatlich finanziertes übrigens, da die Kosten für die meist erfolgreichen juristischen Auseinandersetzungen aus der öffentlichen Hand finanziert werden. Das führt schließlich auch dazu, dass an den deutschen Sozialgerichten ein weiteres “Jobwunder” ausgebrochen ist. Diese sehen vor lauter Klagen kaum noch das Tageslicht hinter dem Aktenstapel und bieten so ein Vollbeschäftigungsprogramm für Richterinnen und Richter.

Spannend ist nun aber, wie die einzelnen Abgeordneten im Bundestag zum Vorschlag der Linken stehen, mit diesem unwürdigen Prozedere aufzuhören und Menschen ihre Freiheit, Würde und Selbstbestimmung zurückzugeben. Dazu hat Die Linke eine namentliche Abstimmung beantragt, so dass das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten dokumentiert ist. Wenig erstaunlich ist, dass die Abgeordneten von Union und vor allem der FDP weiterhin auf die Bevormundung und Entrechtung bestehen. Aber auch bei der SPD schloss man sich, wie so oft, den Regierungsfraktionen an. Die ursozialdemokratische Ideologie der Bevormundung und Erziehung erwachsener Menschen schlägt sich in dem rot-grünen Gesetz zu Hartz IV nieder und Sozialdemokraten können sich offenbar nur schwer von diesen Vorstellungen trennen. Erstaunlich, oder auch nicht, ist auch, dass die so genannten “Linken” in der sozialdemokratischen Fraktion kein Problem mit der Entwürdigung von Hartz-IV-Betroffenen haben. Immerhin fanden einige Sozialdemokraten den Mut, sich wenigstens zu enthalten. Freiheit bleibt in fast 150 Jahren sozialdemokratischer Geschichte offenbar weiterhin ein unterbelichteter Punkt. Ansonsten ist die SPD ja deutlich weniger zurückhaltend, wenn es darum geht, die eigenen Wahnsinnstaten anderen in die Schuhe zu schieben. Immerhin, die Grünen haben sich enthalten, und Hans-Christian Ströbele hat als einziger sogar gegen die Sanktionen gestimmt.

 

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(K)ein Zeichen aus der Zukunft

 

28.04.2012

Piratenpartei, Grundeinkommen und Wissenskommunismus

Quelle: Neues Deutschland

Von Thomas Lohmeier

Während der Piratenpartei von links wahlweise Neoliberalismus, Naivität, Rechtslastigkeit oder Frauenfeindlichkeit vorgeworfen werden, klingen die Vorwürfe von rechts fast origineller: Die Piraten seien eine »Linkspartei mit Internetanschluss« tönte FDP-Chef Philipp Rösler kürzlich, und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher attestierte ihnen bereits 2009 Neigungen zum Marxismus, weil ihr Verhältnis zum Eigentum ungeklärt sei. Tatsächlich fordern sie freien Zugang zur Bildung oder die radikale Änderung des Urheberrechts.

Über Letzteres tobt gerade eine heftige Debatte in den Feuilletons der Republik: Angestoßen von einem Wutausbruch des Musikers und Schriftstellers Sven Regener führen Tatort-Autoren und das Handelsblatt die Kampagne »Mein Kopf gehört mir«. Softwareentwickler und Piraten fordern dagegen eine faire Bezahlung statt nutzloser Urheberrechte.

Leider sind die Piraten nicht die Vorhut des Kommunismus, wie Schirrmacher suggeriert. Trotzdem ist zu fragen, ob das Gespenst, das hier von bürgerlicher Seite an die Wand gemalt wird, nicht Zeichen für einen sich wandelnden Kapitalismus ist. Katja Kullmann interpretiert die Piratenpartei als Versuch einer neuen bürgerlichen Klasse, sich – wenn auch »vorläufig noch etwas stümperhaft« – über ihre Interessen zu verständigen. Die Wissensarbeiter und Softwareentwickler übertragen ihre alltäglichen Erfahrungen mit der Beschränkung der Wissensproduktion durch Patent- und Urheberrechte auf andere Lebensbereiche: Warum sich mit der Forderung nach einer freien Netzinfrastruktur zufrieden geben, wenn eine freie Verkehrsinfrastruktur genauso wichtig für Arbeit und Leben ist?

Wer Arbeit, Bezahlung und Nutzung der Arbeitsprodukte entkoppelt, ist schnell bei Ideen wie dem Grundeinkommen. Das Arbeitsprodukt gilt dann nicht mehr als privates Eigentum; das Eigentumsrecht am Produkt wird so gestaltet, dass es kollektives Eigentum bleibt. Und während Teile der Linken noch dem Eigentumsbegriff John Lockes anhängen, nach dem Arbeit Eigentum begründet, lässt diese Klasse – ohne es zu ahnen – die Marxsche Kritik praktisch werden: Jeder arbeitet nach seinen Fähigkeiten und konsumiert nach seinen Bedürfnissen. Getreu der Kritik des Gothaer Programms, wo Marx sich gegen die Vorstellung wandte, dass Gerechtigkeit hergestellt sei, wenn nur jeder Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit erhielte und formulierte: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.«

Dennoch ist die Piratenpartei in ihrer Kapitalismuskritik nicht konsequent. Statt im »Spiegel«-Streitgespräch mit dem Musiker Jan Delay über die Entlohnung von Künstlern eine Kulturflatrate zu fordern, plädierte der kulturpolitische Sprecher der Piraten im Abgeordnetenhaus Berlin, Christopher Lauer, hilflos für eine freiwillige Bezahlkultur. Eine zu Ende gedachte Kritik an der Warenförmigkeit der Wissensproduktion wäre aber tatsächlich ein Zeichen aus einer postkapitalistischen Zukunft. Doch das geforderte Grundeinkommen wird nicht als Demokratiepauschale konzipiert. Statt dessen diskutieren die »Sozialpiraten« Modelle, die Hartz-IV-Betroffene finanziell noch schlechter stellen würden.

Selbst ihr Transparenzfetisch führt nicht zu mehr Demokratie: In Zeiten der Postdemokratie, wo der Widerspruch zwischen der Idee der Demokratie und einer Politik, die nur noch »Sachzwänge« der Finanzmärkte exekutiert, offensichtlich wird, gilt es über die Verteilung des Reichtums und die Gefährdung der Demokratie durch ökonomische Macht zu reden. Darüber schweigen die Piraten, stattdessen erfreuen sich wirtschaftsliberale Ansätze bei ihnen großer Beliebtheit. So wird die als Mantra wiederholte Forderung nach Transparenz zum verzweifelten Wunsch devoter Bürger, selbige an sich selbst zu vollstrecken – das emanzipatorische Potenzial der »liquid democracy« verkommt zur basisdemokratischen App zur Selbstgeißelung.

Die Piraten sind also weder wissenskommunistisches Gespenst noch postpolitische Partei neuen Typus, sondern die gewöhnliche Partei einer aufstrebenden gebildeten Bürgerschicht der technischen Intelligenz. Wenn die politische Linke klug ist, kapert sie deren kapitalismuskritisches Potenzial und überlässt das postpolitische Residuum der FDP.

 


Schwierige Erbschaft

Katja Kipping im Persönlichkeitscheck

Wie tickt die kommende Politikergeneration? An Katja Kipping, Vizevorsitzende der Linkspartei, brechen sich zwei Welten. Sie ist in beiden zu Hause.von Christian Schneider

weiterlesen:  TAZ, die Tageszeitung 21.04.2012


Der April-Kneipenabend der Ema.Li Hannover

Der Ema.Li-Kneipenabend im April ist diesmal ganz schlicht ohne irgendein Programm. Die Möglichkeit, die Ema.Li Hannover kennenzulernen oder einfach nur auf ein Bier vorbeizukommen besteht wieder am:

Dienstag 24.04.2012 in der Gaststätte “Zur Handelsbörse”, Am Klagesmarkt 27 ab 19.30 Uhr.

Wir freuen uns wieder auf alle!


Jakob Moneta. Nachrufe.

Arbeit und Gewerkschaften Dienstag, 13. März 2012 | Christoph Jünke

Brot und Rosen

Ein Nachruf auf Jakob Moneta (11.11.1914-3.3.2012) von Christoph Jünke

Jakob Moneta [Foto: picture-alliance/dpa]

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein und hat auch dies nicht ohne Kultur. Als der US-amerikanische Poet James Oppenheim diese Lebensweisheit im Jahre 1911 in einem seiner Gedichte in die Chiffre „Brot und Rosen“ übersetzte, wurde sie nur ein Jahr später, vor nun genau einem Jahrhundert, zur zündenden Streik-Parole, als mehr als 20.000 Textilarbeiterinnen mit Migrationshintergrund (wie man heute sagt) in Massachusetts (USA) für einen gerechten Lohn, sprich: Brot, und eine menschenwürdige Arbeits- und Lebensumgebung, sprich: Rosen, kämpften. Die Arbeiterinnen erstritten so eine 25-prozentige Lohnerhöhung, eine gerechtere Bezahlung von Überstunden und die Zusage, dass Streikende in Zukunft nicht mehr diskriminiert werden sollten. Seitdem gehört das damals entstandene Lied „Her mit dem ganzen Leben: Brot und Rosen“ zum Liedgut der internationalen Arbeiterbewegung – und wurde zu einem der Lieblingszitate von Jakob Moneta, der am 3.März, im stolzen Alter von 97 Jahren in Frankfurt am Main gestorben ist. Der 1914 im damals noch österreichisch-ungarischen Ostgalizien Geborene war eine der beeindruckendsten Gestalten der deutschen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung.

Aufgewachsen im Köln der Zwischenkriegszeit, schloss sich Moneta Anfang der dreißiger Jahre der Jugendorganisation der aus einer linksoppositionellen Strömung der SPD hervorgegangenen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an und engagierte sich im Arbeitersport. Ende 1933 verließ der junge Jude und Sozialist das faschistische Deutschland und ging nach Palästina, um in einem Kibbuz nicht nur zu überleben, sondern auch am Aufbau einer neuen solidarischen Welt Anteil zu nehmen. Hier lernte er eine praktisch gelebte sozialistische Kollektivität, die ihn zeitlebens prägen sollte, die ihn aber auch politisch ernüchtern ließ, als er aus dem Kibbuz ausgeschlossen und mit 27 Monaten Internierung bestraft wurde, weil er 1939 gegen den politischen Zionismus auftrat und gewerkschaftliche Streiks organisierte und dabei wie selbstverständlich auch mit nichtjüdischen Arabern zusammenarbeitete. 1948 gelang ihm über Frankreich und Belgien die Rückkehr nach Westdeutschland – der deutsche Osten bot ihm, dem trotzkistisch beeinflussten Antistalinisten, keine wirkliche Perspektive. Zurück in Köln wurde er Redakteur der von Willi Eichler und Heinz Kühn geführten sozialdemokratischen Rheinischen Zeitung und Mitglied der neuen Sozialdemokratie. Er stärkte dort den linkssozialistischen Flügel und ging, als er verstand, dass dieser zu Beginn der 1950er Jahre in die hoffnungslose Defensive geraten war, im Jahre 1953 als Sozialreferent an die bundesdeutsche Botschaft nach Paris. Im Geiste und hinter vorgehaltener Hand blieb er jedoch ein Trotzkist und heimatloser Linker jenseits von kommunistischem Bürokratismus und sozialdemokratischem Reformismus und erzählte später immer gerne, wie er die Immunität des Botschaftsangehörigen dazu benutzte, den französischen und nichtfranzösischen (auch deutschen) Aktivisten der algerischen Befreiungsbewegung zu helfen.

Er hielt zwar den Kontakt in die Heimat, doch das Westdeutschland, in das er 1962 zurückkehren sollte, hatte sich während der vergangenen fast zehn Jahre nachhaltig verändert. Große Teile seiner Generation heimatloser Linker hatten sich nach langen und intensiven Kämpfen gegen die Godesbergisierung der SPD enttäuscht und zermürbt geduckt oder gar zurückgezogen. Und die neue, an den Universitäten heranwachsende linke Generation wollte von der ersten Generation einer Neuen Linken nicht mehr viel wissen – was zu tiefgreifenden gegenseitigen Vorbehalten führte und, anders als in Ländern wie Frankreich und Großbritannien, eine fruchtbare und für die Zeit nach 68 folgenreiche Zusammenarbeit zwischen alter und neuer „Neuer Linker“ verhindern sollte. Nur ganz wenige derjenigen, die in den fünfziger Jahren politisch führend aktiv waren, sehen wir nach 68 auf der politischen Bühne wieder. Einer dieser wenigen war Jakob Moneta, den der IG Metall-Vorsitzende Otto Brenner 1962 zum Chefredakteur der beiden einflussreichen IG-Metall-Zeitungen Metall und Der Gewerkschafter machte, und damit auch zum IG Metall-Vorstandsmitglied. Mit seinem tatkräftigen Optimismus und seiner bemerkenswerten Fähigkeit, junge Talente (in Theorie wie Praxis) zu erkennen und zu fördern, gelang Moneta der Brückenschlag zwischen den Generationen und ging als einer der wenigen Exponenten des linken Gewerkschaftsflügels in die Geschichtsbücher der sechziger und vor allem siebziger Jahre ein. Später gefragt, was er denn als neuer Metall-Chefredakteur geändert hätte, antwortete er bestechend schlicht: „Ich habe keine Leserbriefe mehr weggeworfen, wenn sie einem nicht passten, sondern habe sie veröffentlicht. Dann habe ich einen ganz konsequenten antimilitaristischen Standpunkt vertreten. Als der Vietnamkrieg kam, haben die amerikanischen Gewerkschaften interveniert, weil wir gegen den Vietnamkrieg waren.“ Und als die Studenten aufbegehrten und ihr „Wir wollen alles – und zwar sofort“ auf der Straße skandierten, wusste er zwar, dass dieses „sofort“ eine Illusion war, aber immerhin eine heroische Illusion, denn dass hier jemand endlich wieder einmal alles begehrt, das gefiel ihm sehr. Entsprechend kritisierte er seine reformistischen Kolleginnen und Kollegen nicht dafür, dass sie sich als Reformisten verstanden, sondern dafür, dass sie nicht reformistisch genug waren, dass sie nicht das politische Bündnis mit den Radikalen suchten, um ihrem Reformismus den nötigen Nachdruck zu verleihen.

Ob als Journalist und Publizist oder als Gewerkschafter und Intellektueller, ob als Herausgeber und Übersetzer oder als Mitglied der SPD und, unter der Hand, der Gruppe Internationaler Marxisten (GIM), ob als späteres Mitglied der Vereinigten Sozialistischen Partei (VSP) oder der nun gesamtdeutschen Partei des demokratischen Sozialismus (PDS) – Jakob Moneta hat immer Position bezogen, sich eingemischt und Bewusstsein angestoßen, sei es im direkten Gespräch oder in den Gremiensitzungen, sei es auf Tagungen und bei Vorträgen oder mit seinen zahllosen publizistischen Texten und Kolumnen. Und auf angenehme Weise belehrend mischte er bei diesen zumeist kurzen Interventionen aktuelle Fragen mit grundsätzlichen, Alltagsbegebenheiten mit politischen Großwetteranalysen, Deutsches mit Internationalem, politische Argumente mit sozialgeschichtlicher Aufklärung.

Er hatte was zu sagen. Er hat gerne angestoßen und gefördert, konnte aber auch zuhören und das Gehörte und Erlebte verarbeiten. Sektierertum, die selbstgewählte Abschottung gegen andere, war ihm fremd, obwohl er sich seines gesellschaftlich marginalisierten Standpunktes immer bewusst blieb. Ihm war klar, dass er nicht in Zeiten des Barrikadensturmes lebte. Doch ein Grund, deswegen nicht mehr alles zu wollen, war auch dies für ihn nicht. Er vertraute darauf, dass „die Leute“ bald schon verstehen würden, dass es nicht reicht, nur die eigenen Lohnerhöhungen erkämpfen und nur die eigenen Arbeitsplätze verteidigen zu wollen. Und sei diese Erkenntnis endlich wieder gereift, würden auch die Bedürfnisse der Menschen wieder zum entscheidenden Kriterium des Wohlbehagens und Fortschritts und nicht mehr die Gesetze von Profit und Konkurrenz.

Bis dahin konnte er aus einem reichhaltigen und turbulenten Leben zehren, aus seinen Kämpfen gegen den aufkommenden Nazi-Faschismus und den politischen und gewerkschaftlichen Kämpfen im Palästina der dreißiger Jahre, aus seinen praktischen wie intellektuellen Kämpfen gegen die stalinistisch entartete kommunistische Bewegung und gegen den westdeutschen Adenauer-Staat. Er schöpfte dabei aus seinem Internationalismus ebenso wie aus seinen jüdischen Wurzeln und seinen sozialistischen Überzeugungen.

Sein unaufdringlicher sozialistischer Humanismus war gleichermaßen Zielvorstellung wie auch persönlich gelebtes Ethos. Jakob Moneta nahm die radikal-demokratischen Versprechen der frühbürgerlichen Aufklärungstradition ebenso ernst wie die Emanzipationsversprechen des alten Arbeiterbewegungsmarxismus. Niemals hat er sich darauf verlassen, dass wo Demokratie drauf steht auch Demokratie drin ist, oder, dass wo Sozialismus drauf steht auch Sozialismus drin ist, denn beide gehörten ihm untrennbar zusammen. Ein konsequenter Demokrat müsse eben auch Sozialist sein, wurde er nicht müde zu betonen. Und kein Sozialist verdiene Glaubwürdigkeit, der nicht verstanden hat, dass demokratische Freiheiten eine Errungenschaft sind, die man für keine noch so schön gemeinte Erziehungsdiktatur auch nur vorübergehend suspendieren kann. Sich von dieser radikal-demokratischen Aufgabe nicht bürgerlich vereinnahmen zu lassen, das hat er verstanden – nicht zuletzt, weil er nicht vergessen hat, dass demokratische Fortschritte in den letzten beiden Jahrhunderten nur gegen jene bürgerliche Klasse durchzusetzen waren, die doch gleichzeitig als deren vermeintlich natürlicher Exponent betrachtet wird. Seine Parteinahme für die Ohnmächtigen dieser Welt war deswegen das geduldige Bohren dicker Bretter, und die Ausdauer und der optimistische Elan, mit der der linke Aufklärer diese Arbeit verrichtete, sind bewundernswert. Die meisten seiner linken Zeitgenossen haben diese Standhaftigkeit im Zeitalter des Skeptizismus nicht aufzubringen vermocht.

Für Jakob blieb es nicht nur eine echte Sünde wider den Menschen, wenn man diesem kein Brot gibt, sondern auch, wenn man ihm nur Brot gibt und dann sich selbst überlässt. „Verbrecher werden nicht geboren, sie werden gemacht“, schrieb er vor nun sechzig Jahren in direkter Auseinandersetzung mit den neoliberalen Vordenkern Wilhelm Röpke und Walter Eucken: „Alkoholiker sind leere oder ausgebrannte Menschen, aber warum war niemand und nichts da, um diese Leere auszufüllen, und warum wurde der Brand nicht rechtzeitig gelöscht? Zu warten, bis der Mensch sich schuldig macht, um hinterher über ihn zu Gericht sitzen zu können, heißt, sich mitschuldig machen. Es nutzt nichts, die Symptome zu bekämpfen.“ Der Liberalismus sei nicht nur unfähig, solche Probleme zu lösen, er mache sie auch noch schlimmer, wo er sich dem Credo des individuellen carpe diem verschreibe, dem Imperativ, den Tag zu nutzen, den Tag zu genießen. Für Moneta war dagegen dieses carpe diem die „gespenstisch anmutende Aufforderung, Freudentänze auf den Grabhügeln menschlicher Skelette aufzuführen, die uns die jüngste Geschichte als Erbe hinterlassen hat“. Es könne deswegen nicht darum gehen, den Tag einfach nur zu genießen. Es müsse vielmehr darum gehen, den Tag zu nutzen, um die Zukunft vorzubereiten, den Tag zu nutzen, um die menschliche Persönlichkeit in ihrer ganzen Vielfältigkeit als Gattungswesen zu entfalten: „darin liegt unser Glück“.

Jakob Moneta hat auf bemerkenswerte Weise, ebenso selbstbewusst wie selbstlos, seine Tage genutzt, um diese nicht nur ihm eigene Vision der Zukunft vorzubereiten. Er wollte das ganze Leben, er wollte Brot und Rosen – nicht für sich allein, sondern für alle.

Siehe auch:
Politisch hellsichtig, moralisch ungebrochen
Nachruf von Michael Brumlik in «Jüdische Allgemeine», 8.3.2012

Eine kleine Handreichung als Postskriptum:

Was bleibt? Es bleibt die Erinnerung an den aufrechten Gang eines linken Sozialisten und Gewerkschafter. Und es bleiben seine Bücher, Texte und Kolumnen. Einen Eindruck vom ersten bietet das Film-Interview von Juri Hälker: Jakob Moneta: Jude – Gewerkschafter – Sozialist, 84 min, Hamburg: VSA-Verlag 2006, das sich auch online findet unter http://de.labournet.tv/video/5994/jakob-moneta-jude-gewerkschafter-sozialist. Monetas Bücher, Texte und Kolumnen sind allerdings entweder vergriffen oder in Bibliotheken und Archiven verstreut (ein kleiner Überblick findet sich unter http://www.trotskyana.net/Trotskyists/Bio-Bibliographies/bio-bibl_moneta.pdf). Besonders zu nennen wäre hier sein Band Mehr Macht für die Ohnmächtigen. Reden und Aufsätze, Frankfurt/M.: ISP-Verlag 1991, 154 Seiten, sowie Jürgen Hinzer/Helmut Schauer/Franz Segbers (Hrsg.): Perspektiven der Linken. Ein kämpferisches Leben im Zeitalter der Extreme, Hamburg: VSA-Verlag 2000, 132 Seiten. Noch zu beziehen ist dagegen eine kleine Sammlung von Kolumnen aus den 1980er, 1990 und 2000er Jahren, die auch biografische Würdigungen enthält, u.a. von Ernest Mandel und Winfried Wolf, Gregor Gysi und Lothar Bisky, Gerhard Zwerenz und Georg Fülberth. Die Broschüre Jakob Moneta: Solidarität im Zeitalter des Skeptizismus. Kommentare aus drei Jahrzehnten, Köln: SoZ-Verlag 2004, 76 Seiten, ist für drei Euro zu beziehen über: SoZ-Verlag, Regentenstr.57-59, 51063 Köln, redaktion@soz-verlag.de.

Christoph Jünke Christoph Jünke
Mehr zum Autor
Hier noch ein Nachruf von Micha Brumlik aus der „Jüdischen Allgemeinen“:
http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12504

Politisch hellsichtig, moralisch ungebrochen

Im Alter von 97 Jahren ist der Journalist, Gewerkschafter und Sozialist Jakob Moneta gestorben

08.03.2012 – von Micha BrumlikMicha Brumlik

„Du hast uns geholfen“

Jakob Moneta war viele Jahre Chefredakteur der „metallzeitung“. Er war Sozialist, Widerständler und Gewerkschafter. Sein bewegtes Leben ging am vergangenen Samstag im Alter von 97 Jahren zu Ende. 

Description: Jakob MonetaEr wollte an seinem 100sten Geburtstag auf eine Welt blicken und feststellen: „Wir haben den Ausblick auf eine andere Gesellschaftsordnung.“ Für seine sozialistischen Ideen ist Jakob Moneta sein Leben lang eingetreten: Als Publizist, als Diplomat, als Gewerkschafter. Und bis in sein hohes Alter hat er sich als kritischer Denker und Meinungsmacher eingemischt. Für viele Kolleginnen und Kollegen war er ein Vorbild im Kampf gegen kapitalistische Profitgier und gegen Ausbeutung von Arbeitnehmern. Mit seiner Neugier, seinem unermüdlichen Streben nach gesellschaftlichen Alternativen motivierte er viele Weggefährten. Er war beides: intellektuell und bodenständig, und immer pointiert.Geboren wurde Moneta im galizischen Blasow (damals Österreich, heute Polen), hinein in eine jüdisch-orthodoxe Familie. Von dort ging es – auf der Flucht vor Pogromen – nach Köln. Er engagierte sich in der Jugend der Sozialistischen Arbeiterpartei. 1933 ging er nach Palästina, suchte in einem Kibbuz den Sozialismus, kam in ein englisches Internierungslager. Als er 1948 nach Köln zurückkehrte begann er als Journalist zu arbeiten. Auf Vorschlag der Gewerkschaften ging er später in die deutsche Botschaft nach Paris.

Zur IG Metall kam er 1963 als Chefredakteur der „metall“. Er wurde Chronist einer Zeit der IG Metall, in der sie wuchs und viele wichtige Meilensteine für Gerechtigkeit und Würde der Kolleginnen und Kollegen erreichte. Fünf Streiks gehörten dazu. Und neu war damals: Einwanderer traten der IG Metall bei. Es gab Sprachbarrieren. Um diese zu überwinden und ein Zusammenwirken aller für gewerkschaftliche Ziele möglich zu machen, ließ er die „metall“ in mehrere Sprachen übersetzen.

Jakob Moneta hat sich mit all seiner Energie sein ganzen Leben lang für Gerechtigkeit, Freiheit und Würde eingesetzt. Sein Engagement fürs Unbequeme wird auch weiterhin für viele Vorbild sein für die Hoffnung auf bessere Zeiten. Ob er an seinem 100sten Geburtstag eine andere Welt gesehen hätte als die heutige, bleibt abzuwarten. Aber vieles, was ihm wichtig war, ist weiterhin aktuell und steht auf der Agenda der IG Metall.

Jakob Moneta hat sich in einem Interview einmal gewünscht, dass bei seiner Grabrede der Satz fallen solle: „Er hat uns geholfen“. Das kann die IG Metall nur unterstreichen: Du, Jakob Moneta, hast uns geholfen.


Die Redaktion der metallzeitung im Namen aller Beschäftigten der IG Metall

Bild-Zeitung? Nicht mal geschenkt!

Bild will mit Deiner Hilfe eine millionenschwere Werbekampagne durchführen. Mach sie zum Desaster!

Zum Jubiläum ihres 60-jährigen Bestehens plant der Axel-Springer-Verlag am 23. Juni die Bild-Zeitung in sämtliche deutsche Haushalte kostenlos zu verteilen. Was wie eine milde Spenden- oder PR-Aktion zur Leser*innen-Akquise klingt, ist tatsächlich ein gewaltiges Geschäft für die Bildzeitung: Eine ganzseitige Anzeige in dieser Ausgabe lässt sich das Gossenblatt mit vier Millionen Euro bezahlen.

Obwohl es durch geschickte Werbekampagnen der letzten Jahre gelungen ist, die Sache anders darzustellen, bleibt es dennoch dabei: Die “Bild” ist eben kein harmloses Boulevardblatt, das hier und da etwas übertreibt, ein wenig flunkert und banale Hofberichterstattung betreibt. Die “Bild” zerstört ganze Leben, sie dringt in die innerste Privatsphäre von Menschen ein, sie führt regelrechte Hetzkampagnen gegen unbescholtene Menschen, die schon einige in den Tod getrieben haben. Erst jüngst hetzte die “Bild” in Emden einen Mob gegen einen unschuldigen Jugendlichen auf, den sie als Kinderschänder und -mörder brandmarkte. Der 17-Jährige muss dank der Bildzeitung heute an einem unbekannten Ort leben und wird wohl nie wieder ein normales Leben führen können. Und erst in der laufenden Woche polemisierte die “Bild” gegen Hartz IV-Betroffene, stellte diese als “Abzocker” und “Drückeberger” dar und versuchte ein weiteres Mal, Niedriglohnbeziehende gegen Erwerbslose auszuspielen.

Du kannst die gewaltige Werbeaktion der Bild-Zeitung verhindern. Das geht, indem Du explizit Widerspruch dagegen einlegst, dass du am 23. Juni diesen gedruckten Schmutz in Deinen Briefkasten bekommst. Ein Hinweis am Briefkasten, dass Du keine Werbung haben möchtest, reicht leider nicht. Widerspruch kannst Du ganz einfach über dieses Formular von Campact! einlegen.

Je mehr Menschen sich an dieser Aktion beteiligen, desto eher wird die Bild-Aktion zum Desaster. Der Verlag ist nach einem Widerspruch gesetzlich dazu verpflichtet, denjenigen, die Widerspruch eingelegt haben, keine Zeitung zukommen zu lassen. Dabei entsteht ein riesiger Verwaltungsaufwand, die betreffenden Adressen herauszufiltern und auch das Verteilen wird deutlich komplizierter, zeitaufwendiger und damit teurer. Bislang (innerhalb von etwa 24 Stunden) haben bereits über 50.000 Menschen Widerspruch eingelegt.

Mehr bei Alle gegen Bild und Campact!.

Und dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.


“Wir müssen es nur ausprobieren.”

 

6. April 2012

By Ronald Blaschke

Quelle: Netzwerk Grundeinkommen

In der April-Ausgabe der Links! Sachsen erschien unter der Überschrift „Wir müssen es nur ausprobieren“ ein Interview mit Mathias Schweitzer vom Initiativkreis Gewerkschafterdialog Grundeinkommen (Seite 2). Darin wird auf die Notwendigkeit der Diskussion des Grundeinkommens in den Gewerkschaften und auf andere Fragen zum Thema Grundeinkommen und Gewerkschaften eingegangen. Katja Kipping beschreibt in einem Vorwort (Seite 1) den Gewerkschafterdialog Grundeinkommen als wichtigen Bestandteil eines aufklärenden Selbstermächtigungsprozesses der Menschen, denen es darum geht, Konzepte für eine bessere Welt zu entwerfen und umzusetzen.

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